Wer über eine bewusste Ernährung nachhelfen möchte, greift heute deshalb gern zu Superfoods, die eine besonders positive gesundheitliche Wirkung versprechen. Doch es müssen nicht zwangsläufig die in aller Munde befindlichen Chiasamen oder Gojibeeren sein, die zu diesem Zweck auf dem Teller landen: Anstelle des Gangs in den Bioladen auf der Suche nach diesen exotischen – und oftmals kostspieligen – Lebensmitteln könnte sich auch ein Ausflug ins nächstgelegene Flusstal oder an einen Bachlauf lohnen. Die feuchten, sandigen Böden solcher Gebiete stellen nämlich insbesondere im Herbst optimale Bedingungen für das Wachstum einer heimischen Pflanze dar, die hinsichtlich ihres Nährstoffgehalts eindeutig in der Liga des Superfoods mitspielt. Die Rede ist von einer Heilpflanze, welche stolz auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken kann, aber dennoch leicht übersehen wird: dem Meerrettich.

Meerrettich: bescheiden, aber kompetent

Zugegeben, die rübenförmige, holzige braune Wurzel, als die sich der Meerrettich präsentiert, mag optisch auf den ersten Blick nicht gerade beeindrucken. Doch es lohnt sich, ein zweites Mal hinzusehen, denn hinter seinem unauffälligen Erscheinungsbild verbirgt das Gewächs gleich eine ganze Reihe von Fähigkeiten, die es als Heilpflanze auszeichnen, welche aus gutem Grund bereits in der Antike hoch geschätzt wurde. Dazu gehören für den Herbst und Winter typische Symptome wie Husten, Grippe und Fieber.

Aber damit ist das Spektrum von Beschwerden, gegen die dem Meerrettich eine Wirkung zugesprochen wird, noch lange nicht erschöpft: Neben Verstopfung und Menstruationsbeschwerden stehen beispielsweise auch Kopf- oder Zahnschmerzen und sogar Skorbut und Rheuma auf der Liste der Leiden, die mit ihm bekämpft werden können.

Das Geheimnis seiner Superkräfte

Angesichts dieser Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten darf der Meerrettich also zu Recht als Multitalent bezeichnet werden. Doch woher nimmt er diese Fähigkeiten? Sie lassen sich im Wesentlichen auf zwei Inhaltsstoffe der Wurzel zurückführen. Dazu zählt zunächst eine enorme Dosis Vitamin C: Mit etwa 0,6 % übersteigt der Gehalt des Meerrettichs an Ascorbinsäure, so die wissenschaftliche Bezeichnung für den Nährstoff, denjenigen der Zitrone um gut das Doppelte. Angesichts dieser beachtlichen Zahl wundert es nicht, dass die Wurzel auch als „Zitrone aus dem Garten“ bekannt ist. Wie lebenswichtig Vitamin C für den menschlichen Körper ist, belegt das berühmte Beispiel der „Seefahrerkrankheit“ Skorbut.

Hier kommt es aufgrund einer massiven Unterversorgung mit diesem Nährstoff unter anderem zu Erschöpfung, einem erhöhten Risiko für die Erkrankung an Infektionskrankheiten, Muskelschwund, Gelenkentzündungen und Zahnausfall. Vitamin C stärkt also nicht nur das Immunsystem, sondern ist zudem am Aufbau von Bindegewebe beteiligt. Dies steigert die Elastizität von Haut und Gelenken. Außerdem hat das Vitamin eine antioxidative Wirkung, was vorzeitiger Zellalterung entgegenwirken kann. Es lohnt sich also, die Ernährung bewusst so zu gestalten, dass der tägliche Bedarf an diesem Nährwert, der für Erwachsene bei 100 mg pro Tag liegt, gedeckt ist. Hierbei ist der Griff zum Meerrettich beim nächsten Einkauf auf dem Markt Ihrer Wahl also ohne Zweifel eine gute Idee.

Das „Penicillin der Bauern“

Das zweite Geheimnis, das sich hinter dem bescheidenen Äußeren des Meerrettichs verbirgt, liegt in seinen hohen Anteilen an Senfölen. Diese tragen nicht nur zu dem typischen, leicht bitteren Geschmack der Pflanze bei, sondern sind in erster Linie für ihre antibakterielle Wirkung bekannt. So erklärt sich auch die Bezeichnung als „Penicillin der Bauern“, einem weiteren schmeichelhaften Beinamen der Wurzel. Doch während sich bei der Behandlung mit dem industriell gebildeten Namensvetter Resistenzen ausbilden können, lassen sich solche beim Einsatz der Heilpflanze nicht beobachten. Die Wirkung von Meerrettich ist zudem schonender für die Darmflora. Gute Gründe, zur Vorbeugung und Behandlung insbesondere von Infektionen der Harn- und oberen Luftwege auf den Meerrettich zu setzen: Husten, Bronchitis, Asthma und Mandelentzündungen, aber auch Blasen- und Nierenbeckenentzündungen können hiermit in Angriff genommen werden. Doch damit nicht genug – neben ihrem antibakteriellen Effekt regen Senföle auch die Durchblutung und die Verdauung an. Aus diesem Grund gilt Meerrettich auch als bewährtes Hausmittel bei Menstruationsbeschwerden, Blähungen oder Verstopfung.

Volle Entfaltung durch frische Zubereitung

Um diesen Schatz an positiven Eigenschaften des Meerrettichs zu bergen, bedarf es jedoch etwas Fingerspitzengefühls. Dies liegt daran, dass die kostbaren Senföle, die bei einer Verletzung des Pflanzengewebes, wie beispielsweise durch Reiben oder Aufschneiden, freigesetzt werden, flüchtig sind. So lässt die antibakterielle Wirkung der Heilpflanze schon etwa 15 Minuten nach dem Aufbrechen der Oberfläche nach. Aus diesem Grund sollte Meerrettich, wenn er nicht pur, sondern als Bestandteil einer leckeren Mahlzeit genossen werden soll, erst kurz vor dem Servieren an die Speisen gegeben werden. Zudem bewahrt die Wurzel frisch verzehrt zugleich am besten ihre delikaten Aromen und die für sie so charakteristische Würze. Allerdings verdankt der Meerrettich den Senfölen auch die oftmals beißende Schärfe, die bei seiner Zubereitung in die Nase steigen und die Augen tränen lassen können – nicht ohne Grund nennen die Österreicher den Meerrettich Kren, was sich vom Slawischen „Krenas“ für „Weinen“ ableitet. Um eine Reizung der Schleimhäute zu vermeiden, empfiehlt es sich daher, die Pflanze bei geöffnetem Fenster zuzubereiten. Dazu wird die Knolle zunächst geschält und anschließend am besten fein gerieben.

Schmerzlindernd bei äußerer Anwendung

Bei der Frage danach, in welcher Form der Meerrettich im Anschluss eingesetzt wird, gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten. Für bestimmte Beschwerden eignet sich am besten eine äußere Anwendung in Form von Umschlägen oder Auflagen. Dies gilt vor allem für die gezielte Behandlung von Schmerzen, wie Kopf- oder Zahnschmerzen, aber auch zur Linderung bei Insektenstichen sowie bei Gicht oder Rheuma. Hier wird der geriebene Meerrettich in Form von Brei einfach punktuell aufgetragen, leicht eingerieben und nach Abklingen der Schärfe mit Verflüchtigung der Senföle wieder entfernt. Aufgrund der durchblutungsfördernden Eigenschaft der Wurzel werden Muskelverspannungen gelöst, was mit einem Nachlassen der Schmerzen einhergeht.

Innere Anwendung: Genussvolle Heilung

Um die entzündungshemmende Wirkung des Meerrettichs sowie seine geballten Vitamin-C-Reserven voll auszuschöpfen, empfiehlt sich eine innere Anwendung der Heilpflanze. Beim Verzehr des Meerrettichs lässt sich die Nutzung seiner Heilkräfte zudem elegant mit einer köstlichen Mahlzeit verbinden. Dabei sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, in welcher Form die Wurzel auf den Tisch kommen soll. So ist es möglich, ihn in Konzentration auf seine Funktion als Heilmittel gemäß alter Hausrezepte in einem Gemisch mit beispielsweise Honig oder warmer Milch zuzubereiten. Auch kann man den fein geriebenen Meerrettich unter Quark oder in Saucen gerührt genießen. In dieser Form erfreut er sich besonders als Begleitung von Fisch- oder Fleischgerichten wie Lachs, geräucherter Forelle oder Rinderbraten großer Beliebtheit.

Je nach Geschmack darf es aber ruhig auch einmal etwas ausgefallener werden: Wer möchte, kann sich einmal an einem Rezept für pikante Pfannkuchen oder ein wohlschmeckendes Zitronen-Meerrettich-Risotto versuchen. Und sogar als Süßspeise lässt sich die vielseitige Wurzel verarbeiten, wie experimentierfreudige Köche beweisen, die beispielsweise Windbeutel oder Limonade mit dem Aroma und der Schärfe des Meerrettichs kreieren. Bei all dem sollte der Genuss der Leckerei sich jedoch, seiner positiven Wirkung zum Trotz, in Maßen halten: Wird die empfohlene mittlere Tagesdosis von etwa 20 Gramm der Wurzel überschritten, besteht aufgrund ihrer Schleimhaut reizenden Eigenschaften das Risiko von Magen- und Darmbeschwerden.

Mitbringsel der Slawen

Eine besonders wichtige Rolle, ganz gleich ob in traditionellen oder in modernen Varianten, spielt der Meerrettich auch heute noch in den Küche Ost- und Südeuropas, zum Beispiel in Tschechien, Ungarn, der Slowakei oder der Ukraine. Kein Wunder, denn diesen Ländern verdanken wir auch unsere heutige Bekanntschaft mit der Pflanze: Es waren die slawischen Völker, die die delikate und heilsame Wurzel im Zuge ihrer Übersiedlung nach Mitteleuropa brachten. In diesem Zuge gewann der Meerrettich somit spätestens im Mittelalter auch hierzulande an Bekanntheit – und Popularität. Wenngleich heute die Nachbarstaaten Ungarn und Österreich im europäischen Vergleich beim Meerrettichanbau vorne liegen, kann auch Deutschland inzwischen auf eine lange Tradition in der Zucht der Pflanze zurückblicken. Insbesondere der Spreewald, Baden und Franken gelten hier als die Hochburgen des Meerrettichanbaus – im fränkischen Baiersdorf kann man sich davon sogar beim Besuch eines eigens auf die delikate Heilpflanze spezialisierten Museums überzeugen.

Heilkraft aus dem eigenen Garten

Dabei wird der Meerrettich auch in seiner landwirtschaftlichen Nutzbarkeit der für ihn typischen Bescheidenheit gerecht: Anspruchslos, wie er ist, wächst er in fast jedem Boden, und eignet sich daher hervorragend auch für den Anbau im heimischen Garten. In der Zeit von April bis Anfang Mai gepflanzt, kann Meerrettich bereits ab Oktober geerntet werden und ist darüber hinaus winterfest, sodass man sich den ganzen Winter über mit Nachschub aus dem eigenen Beet versorgen kann. Hobbygärtnern sei also ans Herz gelegt, sich einmal in der Anzucht der kompetenten Knolle zu probieren – vielleicht können Sie ja schon den Tücken des nächsten Herbstes mit der geballten Kraft einer Meerrettichwurzel aus Ihrem eigenen Garten trotzen? Und wer weiß – neben der Erkältung könnte die Aussicht auf ein köstliches Mahl mit von eigener Hand gezogenem Meerrettich doch möglicherweise auch den Schmerz lindern, den der Abschied vom ausklingenden Sommer bereitet.